Jesus kommt in unsere Stadt - 3. Advent

13. Dezember 2020

Als sie nun in die Nähe unserer Stadt kamen, sandte Jesus zwei Jünger mit der S-Bahn voraus und sagte: „Fahrt hin in die Stadt. Und gleich, wenn ihr aus dem Zug steigt, werdet ihr in der Nähe des Bahnhofes ein altes, klappriges Fahrrad angeschlossen finden. Macht es los und wartet, bis ich komme, um damit weiterzufahren. Und wenn euch jemand fragt, was ihr da tut, dann sagt: ‚Der Herr bedarf dieses Fahrrades’. Sogleich wird er es euch überlassen.“

Das geschah aber, damit auch nach zweitausend Jahren noch einmal angeknüpft würde an die alte Prophezeiung: „Sagt der Tochter Zion, sagt den Menschen, die nicht ohne Gott leben wollen, ‚Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig, und reitet auf einem Esel’ – oder eben einem Drahtesel.“

Denn dieser etwas andere, dieser kleine große König - er kam eben schon damals nicht hoch zu Ross und kommt auch heute nicht in einer Mercedes S-Klasse. Und so kamen die Jünger, wie Jesus ihnen gesagt hatte, und stiegen aus der S-Bahn und fanden das alte, klapprige Fahrrad angeschlossen, wie er es ihnen gesagt hatte. Aber kaum, dass sie das Schloss aufgebracht hatten, kam der Besitzer des Fahrrads in heller Aufregung angerannt und rief entsetzt: „Hey, was machen Sie denn da? Das ist ja ungeheuerlich, das ist mein Fahrrad, das ist Diebstahl.“

Die Jünger überlegten, was sie dem wütenden Herrn sagen sollten. Vielleicht, dass sie sich vorbereiten wollten auf Weihnachten? Dass sie Jesus helfen wollten, in die Herzen einzuziehen? Und dass sie einmal wieder das Gefühl haben wollten, die Sorgen loszulassen und Frieden zu spüren? Aber: Konnte der aufgebrachte Fahrradbesitzer damit wirklich etwas anfangen? Der war so wütend und aufgebracht. Und was hatte Jesus noch gesagt: „Beschafft mir einen Drahtesel – und wenn euch einer fragt, warum, dann sagt: ‚Der Herr bedarf seiner’.“

Also gut, dachten sie, versuchen wir’s: „Der Herr bedarf dieses Fahrrads.“ – aber der entrüstete Fahrradbesitzer schien das ganz anders zu sehen: „Wie - der Herr bedarf des Fahrrades? Welcher Herr? Ich kenne keinen Herrn, und wenn schon: Ich bin mein eigener Herr. Und ziehen sie die Maske runter, wenn sie mit mir reden, ich verstehe sie nicht!“ „Also schön“, dachten die Jünger, „bislang lief es hier ja nicht so gut – aber außer geringem Sachschaden an einem Fahrradschloss war ja auch noch nichts passiert. Schlimmstenfalls drohte eine kleine Anzeige wegen Sachbeschädigung. Da waren sie wahrlich Schlimmeres gewohnt. Und Jesus würde sicherlich ein gutes Wort für sie einlegen. Immerhin hatte er ihnen schon manch anderes verziehen.“

Einige Bahnen später kam Jesus an. Sanftmütig und ohne Esel und jetzt auch ohne Drahtesel. „Wir haben versagt!“ bekundeten die Jünger ihren Misserfolg. „Wir wollten etwas für dich tun. Wir wollten dir den Weg bereiten. Aber das gestaltet sich wohl dieses Mal schwieriger als sonst. Es hat nicht funktioniert.“ – „Gehen wir eben zu Fuß und schauen uns hier um“, sagte Jesus. Und resolut marschierte er los.

Und als erstes sah er wie üblich das, was wir in unserer Stadt vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen. Beim Schulzentrum die Gruppe Jungs - mehr als die Kontaktbeschränkungen zulassen. Gebannt schauten alle auf ein kleines Gerät mit einem Apfel drauf. „Hey, krass. Schau mal!“, grölte der eine. Dann wieder gespannte Stille, dann Lachen, dann wieder gespannte Stille. „Die scheinen mich grad nicht zu brauchen,“ dachte der kleine große König und erinnerte sich an seine eigene Jugend, damals als er mit Jakobus und Andreas in den Straßen von Nazareth unterwegs war. Nur nicht gestört werden von den Erwachsenen. Das war damals so gewesen und ist auch heute noch so.

Während Jesus noch in Erinnerungen schwelgte, da war er mittlerweile schon am Pflegestift angelangt. Er stellte sich ungefragt an den Frühstückstisch, an dem gerade ein paar Senioren ein zaghaftes Gespräch über frühere Zeiten begannen. Wie konzentriert sie nach und nach immer mehr bei der Sache waren. Sie erzählten und debattierten. Und voller Zuneigung stellte er sich hinter jeden von ihnen, hörte zu und schaute an, was sie auf den Tellern, aber auch auf dem Herzen hatten. Und es waren nur wenige Minuten vergangen, da meinte der Älteste unter ihnen vergnügt: „Das ist heut mal wirklich schön!“. Und als er eine Weile noch die fleißigen Pflegekräfte bei ihrem schönen, aber auch schweren Dienst beobachtet hatte, da wurde ihm klar, dass das alte Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ – auch dann erfüllt wird, wenn man seine Eltern in gute, kompetente und professionell pflegende Hände gibt.

Und während er so dastand, überlegte und beobachtete, da hatten die fleißigen Pflegekräfte, trotz all ihrer Arbeit, wieder einmal das starke Gefühl: „Wir tun echt etwas Sinnvolles!“ Kurz dachte er darüber nach spontan zu applaudieren, fand das dann aber doch unangebracht. Jesus schlenderte durch das Pflegestift und das Wohnstift, ging mal in jene Tür, mal in eine andere, je nachdem wie die Leute ihn gerade brauchten. Meist saß er nur da. Hörte zu, wenn sie erzählten. Hielt die Hand, wenn jemand weinte. Und er lachte und seine Augen funkelten, wenn jemand Freudiges zu berichten hatte. Er sah, wie manche der Bewohnerinnen und Bewohner auf dem Fernsehbildschirm den Sonntagsgottesdienst im ZDF anschauten und dachte bei sich: „Wenn ich früher nur auch schon solche Möglichkeiten gehabt hätte …“

Zum Glück scheint heute die Sonne, aber die Kälte kroch durch die Kleidung. Zum Glück gibt es immer wieder an den Straßen diese geschickten Bushaltestellen, wo man einen Unterschlupf fand. „Schön, dass ich dich treffe“, dachte er, als er dort bereits die Frau mit den kurzen Haaren sitzen sah. Vor einem halben Jahr war er sehr lange bei ihr gewesen. Da war es ihr gar nicht gut gegangen. „Saukalt“, sagte Jesus, und überlegte, wo er nur diese Vokabel aufgegriffen hatte. „Allerdings!“, sagte die Frau. „Sie kommen nicht von hier?“, fragte sie nach einer Weile. „Ich wurde in Israel geboren ... da ist es wärmer …“ Und dann erzählt sie, dass sie ursprünglich auch nicht von hier komme. Überhaupt komme sie sich immer noch manchmal etwas fremd vor, … aber das sei jetzt egal, denn sie wäre ja gerade so glücklich.

Weil sie endlich Arbeit gefunden hätte und das trotz der angespannten Situation. Nach so langer Suche, 3 Jahre lang, Und das sei wirklich frustrierend gewesen. Nun aber sei die Probezeit vorbei, ein halbes Jahr habe sie nun schon Arbeit … Fünf Minuten später sitzt die Frau im verspäteten Bus und Jesus geht weiter, und schaut sich um. Einer der Jungs von vornhin vor der Schule läuft vor ihm. Der hat wieder dieses Gerät fest ans Ohr gedrückt und spricht hinein. Und ein Schwall Mitleid überkommt den kleinen großen König ohne Drahtesel. Denn er weiß, dass die Mutter am anderen Ende der Leitung ist, und er sieht den Schmerz, der den Jungen jedes Mal überkommt, wenn sie anruft, und die Wut, und das Unverständnis, weil sie einfach gegangen ist, und er nun immer nach seinen Geschwistern schauen muss, bis der Vater aus der Arbeit kommt.

Und Jesus geht hinterher. Er sagt nichts, aber lässt ihn nicht allein. Und leidet mit. Mit dem Jungen, aber auch der Mutter. Gern wäre er pünktlich zum Gottesdienst gekommen, aber das hatte jetzt Vorrang gehabt. Endlich kommt er nach längerem Marsch in der Schulstraße an. Das wäre auch direkter gegangen, denkt er, aber manchmal sind Umwege nötig. Vor dem Pfarrhaus wirft er noch einen Blick in den Schaukasten, in dem zur Advent – Dankstelle eingeladen wurde. In der Kirche steht bereits der Baum mit den vielen Lichtern, längst schon vor seiner Ankunft aufgehängt. Und so ganz wusste er noch nicht, wie er das finden sollte.

„Könnte es sein, dass die vielen Lichter von dem einen, wahren Licht der Welt ablenken? Oder zeigt sich in den Lichterketten, die man jetzt überall findet, die Sehnsucht, es möge doch ein wenig heller werden in der Welt – angesichts von Corona und Amerika, und den vielen kleinen hausgemachten Katastrophen?" Während er noch darüber nachdachte, passiert er das Tor zum Gemeindehausparkplatz .

Und als er ihn betritt, war er in der Tat positiv überrascht – wenn auch über die Nachverfolgungspflicht verwundert. Er hatte das mit dem Kirchenbesuch ein wenig pessimistischer eingeschätzt. Darum hatte er damals lieber sehr vorsichtig formuliert: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Hier waren es allerdings deutlich mehr. Und trotz der Kälte war es warm und heimelig - und es brannte die erste Kerze. – und roch es hier etwa nach frischem Kuchen? Und so stand er im Hintergrund und hörte der Gemeinde zu, wie sie sang: „Komm, o mein Heiland Jesu Christ…“ Und er dachte: „Wenn doch all diese Leute wüssten, wie nahe ich schon bin – dann würde wohl wirklich Advent.“ Amen.

Quelle:
Predigt von Michael Schneider am 1. Advent 2020 vor dem Gemeindehaus in Endersbach